"Gastfamilie zu sein, bereichert auch das eigene Leben"

Seit 2012 begleiten Carmen und Hansruedi Müller als Gastfamilie bei den Familienplätzen Menschen auf einem Stück ihres Lebenswegs. Im Interview erzählen sie von berührenden Begegnungen, wertvollen Erfahrungen und davon, warum sie sich wünschen, dass noch mehr Familien den Schritt wagen, Gastfamilie bei Terra Vecchia zu werden.

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"Gastfamilie zu sein, bereichert auch das eigene Leben"
"Gastfamilie zu sein, bereichert auch das eigene Leben"

Seit 2012 engagieren sich Carmen und Hansruedi Müller als Gastfamilie für die Stiftung Terra Vecchia. In dieser Zeit haben sie zahlreiche Jugendliche und Erwachsene auf einem Stück ihres Lebenswegs begleitet. 2024 gründete Hansruedi Müller zudem das Start-up Valley Adventures, mit dem er Gäste auf E-Bike-Touren durch das Emmental führt. Im Interview erzählen sie, was beide Aufgaben verbindet und warum für sie immer der Mensch im Mittelpunkt steht.

Ihr engagiert euch seit vielen Jahren als Gastfamilie für die Stiftung Terra Vecchia. Hansruedi, mit Valley Adventures ist 2024 ein weiteres Herzensprojekt dazugekommen. Wie ist die Idee entstanden?

Hansruedi Müller: Nach vielen Jahren bei FLYER als Tourguide wollte ich ein Angebot weiterführen, das in der Region einen grossen Mehrwert geschaffen hat. Als FLYER den Bereich der geführten E-Bike-Touren und Erlebnisse aus wirtschaftlichen Gründen einstellte, entstand die Idee, dieses Angebot nicht einfach verschwinden zu lassen. Mit Valley Adventures möchten wir den Gästen das Emmental auf dem E-Bike näherbringen – mit geführten Touren, regionalen Erlebnissen und der Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben und Bauernhöfen.

Carmen Müller: Ich bin im Unternehmen selbst nicht tätig. Wenn die Touren bei uns auf dem Hof Halt machen, kümmern wir uns um die Verpflegung oder das Catering. So können wir die Gäste mit regionalen Produkten empfangen und das Erlebnis abrunden.

«Besonders schön ist, dass sich einige auch Jahre später wieder melden oder auf einen Kaffee vorbeikommen. Solche Begegnungen zeigen uns, dass die gemeinsame Zeit Spuren hinterlassen hat.»

Carmen Müller
Gastfamilien Mitglied der Stiftung Terra Vecchia

Auf den ersten Blick haben eure Aufgaben als Gastfamilie und mit Valley Adventures wenig gemeinsam. Welche Werte oder Haltungen verbinden diese beiden Engagements für euch?

Carmen Müller: Auf den ersten Blick wirken diese Aufgaben tatsächlich sehr unterschiedlich. Für uns haben sie aber dieselbe Grundlage: Die Freude, etwas Sinnvolles bewirken zu können. Als unsere Kinder älter wurden und sie die Situation der Klient:innen verstehen konnten, entstand der Wunsch, uns sozial zu engagieren. So kamen wir zu den Familienplätzen von Terra Vecchia – ein Schritt, den wir bis heute nie bereut haben. Viele Menschen, die eine Zeit lang bei uns gelebt haben, konnten davon profitieren. Besonders schön ist, dass sich einige auch Jahre später wieder melden oder auf einen Kaffee vorbeikommen. Solche Begegnungen zeigen uns, dass die gemeinsame Zeit Spuren hinterlassen hat. Gleichzeitig haben auch wir als Familie viel zurückbekommen. Die Begleitung durch die Fachpersonen, die Weiterbildungen und der Austausch mit anderen Gastfamilien haben uns persönlich geprägt.

Hansruedi Müller: Diese Haltung hat mich auch bei der Gründung von Valley Adventures begleitet. Im Mittelpunkt stehen für mich immer die Menschen. Persönlich habe ich durch die Jahre als Gastfamilie enorm profitiert. Ich bin eher ein zielorientierter Mensch. Ein Satz von André Brand, Fachperson bei den Familienplätzen und heute pensioniert, begleitet mich bis heute: «Entwicklung braucht Zeit – manchmal muss man Dinge auch einfach wachsen lassen» – war seine Weisheit. Dieser Gedanke hat mich privat und beruflich verändert.

Wie gelingt es euch, die Mithilfe auf dem Hof, euer Engagement bei den Familienplätzen und Valley Adventures unter einen Hut zu bringen?

Hansruedi Müller: Anfang Jahr haben wir den Hof unserer Tochter und unserem Schwiegersohn übergeben. Im landwirtschaftlichen Alltag unterstützen wir sie weiterhin, gleichzeitig haben wir dadurch aber mehr Freiraum gewonnen. Diese Zeit können wir heute bewusst in unsere Aufgaben als Gastfamilie und in Valley Adventures investieren. Aktuell lebt ein 16-jähriger Jugendlicher bei uns. Es freut mich sehr zu sehen, wie er sich entwickelt. Er hilft nicht nur auf dem Hof mit, sondern packt auch bei Valley Adventures mit an. Gemeinsam warten und reparieren wir die FLYER-E-Bikes, und mit der Zeit hat er gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Anfangs musste man ihn noch motivieren und anleiten. Heute sieht er die Arbeit oft selbst und packt an. Er erkundet aktuell verschiedene Berufsfelder und arbeitet darauf hin, im nächsten Jahr eine Lehre zu beginnen.

Ihr begleitet seit vielen Jahren Menschen als Gastfamilie. Was bereitet euch an dieser Aufgabe bis heute die grösste Freude? Gibt es ein Erlebnis, das euch besonders in Erinnerung geblieben ist?

Hansruedi Müller: Was mich nach all den Jahren immer wieder berührt, ist zu erleben, wie Menschen bei uns zur Ruhe kommen, Vertrauen fassen und Teil unseres Familienalltags werden. Eine junge Frau lebte damals bei uns. An Weihnachten gestalteten wir - wie jedes Jahr - unser ganz normales Familienritual: Zuerst spielten wir gemeinsam ein Spiel, danach assen wir zusammen am Tisch, später sassen wir beim geschmückten Christbaum, sangen ein paar Lieder, verteilten die Geschenke und liessen den Abend in Ruhe ausklingen. Als der Abend vorbei war, kam sie mit Tränen in den Augen auf mich zu, gab mir die Hand und sagte: "Danke. Das ist also Weihnachten – das habe ich noch nie erlebt". Dieser Satz hat mich tief bewegt. Für uns war es ein ganz gewöhnlicher Weihnachtsabend – für sie war es etwas völlig Neues. Es sind oft nicht die grossen Ereignisse, sondern die kleinen, selbstverständlichen Dinge des Alltags, die für diese Menschen einen entscheidenden Unterschied machen. Genau solche Begegnungen geben unserer Aufgabe als Gastfamilie bis heute Sinn und machen sie wertvoll.

«Diese Begegnung hat mir einmal mehr gezeigt, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Situation erleben. Wir gehen oft von unserer eigenen Sicht aus.»

Hansruedi Müller
Gastfamilien Mitglied der Stiftung Terra Vecchia

Man spürt, wie wichtig euch Sinnhaftigkeit und die Begegnung mit Menschen sind. Wenn ihr an die nächsten Jahre denkt: Wo möchtet ihr mit Valley Adventures hin – und was wünscht ihr euch für eure Arbeit als Gastfamilie?

Hansruedi Müller: Für die nächsten Jahre wünschen wir uns eigentlich gar keine grossen Veränderungen. Wir möchten das, was wir aufgebaut haben, mit derselben Freude und Überzeugung weiterführen. Die Aufgabe als Gastfamilie erfüllt uns nach wie vor. Wir wünschen uns, dass sich noch mehr Familien für diese wertvolle Aufgabe entscheiden und sich bei Terra Vecchia melden. Ein familiäres Umfeld – vielleicht sogar verbunden mit einem Landwirtschaftsbetrieb – bietet Menschen oft genau den Rahmen, den sie brauchen: Stabilität, Vertrauen und die Möglichkeit, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln.

Mit Valley Adventures dürfen wir die Welt ins Emmental holen. Erst kürzlich war ich mit einer Reisegruppe aus Arizona unterwegs. Das Wetter war alles andere als ideal – Nebel und Regen begleiteten uns auf der Tour. Trotzdem wollten sie die Rundfahrt nicht beenden. Am Ende kamen wir zwar klatschnass zurück, aber die Begeisterung war riesig. Für die Gäste war gerade der Regen ein besonderes Erlebnis, weil sie ihn aus ihrer Heimat kaum kennen. Diese Begegnung hat mir einmal mehr gezeigt, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Situation erleben. Wir gehen oft von unserer eigenen Sicht aus. Für unsere Gäste war ausgerechnet der Regen das Highlight des Tages.

Carmen Müller: Für mich sind diese Begegnungen ebenfalls etwas ganz Besonderes. Es bereitet mir grosse Freude, wenn Hansruedi mit einer Velogruppe bei uns auf dem Hof Halt macht und ich die Gäste mit regionalen Spezialitäten bewirten darf. Es ist schön zu erleben, wie Menschen von nah und fern unsere einheimischen Köstlichkeiten entdecken und geniessen. Genau diese Momente machen für mich den besonderen Reiz von Valley Adventures aus – Menschen willkommen zu heissen und ihnen ein Stück Emmental mit auf den Weg zu geben.